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DARWINISTISCHER MATERIALISMUS

Was wird unter Materialismus verstanden? Es ist ein philosophisches Konzept, eine Lehre, welche den Ursprung der gesamten bestehenden Wirklichkeit, sowohl des Materiellen wie des Nichtmateriellen auf die Materie beschränkt. Der darwinistische Materialismus verknüpft den Materialismus mit der Entwicklungstheorie der Organismen von Charles Darwin. Diese Philosophie besagt, dass sich die Organismen aus der Materie über Jahrmillionen ausschliesslich durch zufällige Mutationen und natürliche Selektion entwickelt haben. Die Entwicklungstheorie der Lebewesen, Evolution genannt, führt die Gesamtheit der Lebewesen auf ein einziges Ereignis, der Entstehung des Lebens auf der Erde zurück. Zuerst entstanden die einfachen Lebewesen aus denen sich später die komplexeren entwickelten. Die Evolution der heutigen Organismen aus früheren Lebewesen ist wissenschaftlich ausserordentlich gut belegt.

Gemäss der Philosophie des Materialismus wird angenommen, dass der Ursprung des Lebens ohne Fremdeinwirkung aus nichtlebender Materie erklärbar ist. Wie die bestehende Ordnung der Materie entstanden sein könnte gehört zu den Theorien über die Entstehung der Materie. Die Ursache für die genauen Werte der physikalischen Fundamentalkonstanten der Materie wird nicht angegeben. Die Ursache der Grösse dieser Naturkonstanten wird als nicht eruierbar eingeschätzt.

Der Philosoph Thomas Nagel hat eine Kritik über den darwinistischen Materialismus im Buch Geist und Kosmos veröffentlicht (1). Diese Kritik basiert auf dem Gedanken: Nichts kann sich aus der Materie entwickeln, das nicht in ihr irgendwie angelegt ist. Damit Selektion wirken kann, muss etwas vorhanden sein, auf das die Selektion wirken kann. Weil die ursprünglichen Anlagen der differenzierten Eigenschaften nicht verstanden werden, behilft sich der Materialist mit der Mutation: Zufällig entsteht etwas, das sich dann durch Selektion weiterentwickelt. Der Zufall als Grundlage der Evolution ist jedoch wenig glaubwürdig. Zudem ist der Zufall ohne Bezug zum Zeitfaktor. Otto H. Schindewolf hat nachgewiesen, dass die Evolutionsrate nicht linear sondern grossen Schwankungen in der Zeit unterworfen ist und eine äusserst grosse Dynamik bei der Entstehung neuer Arten erfolgen kann (2).

Es ist wichtig zu verstehen, was die Theorie über die Entwicklung der Lebewesen an neuer Erkenntnis brachte: Die Organismen entwickeln sich auf allen Entwicklungsstufen aus einfachen zu zunehmend komplexeren. Dies ist nicht selbstverständlich, denn alle Lebewesen entwickeln sich gegen eine Kraft, die in den thermodynamischen Gesetzen beschrieben ist: Wird ein geordneter Zustand eines Organismus sich selbst überlassen, so zerfällt er und seine Teile verteilen sich gemäss den Gesetzen für dissipative Strukturen. Jeder geordnete Zustand eines Organismus braucht Kraft um gegen die Gesetze der Thermodynamik zu bestehen. Je komplexer die Strukturen eines Organismus sind, desto mehr Kraft braucht er zum Leben.

Machen wir ein Gedankenexperiment zur Auslese des Tüchtigen in der Evolution: Wir stellen uns eine mausähnliche Echse vor aus der sich der Vogel entwickeln wird. Diese Echse ist an ihre Umwelt gut angepasst. Aus einem Gelege dieser Echsen schlüpft in unserem Gedankenexperiment ein Junges, das eine perfekte Feder an einem Bein hat. Hunderte von aufeinander abgestimmten Mutationen sind notwendig um die perfekte Feder hervorzubringen. Trotzdem: Das Junge kann nicht fliegen, es ist eines der unzähligen Zwischenschritte in der Evolution des Vogels. Die junge Echse ist durch die Feder behindert, sie kann nicht gut durch die Gänge kriechen und bleibt an der Oberfläche der Erde an Pflanzen hängen. Durch die natürliche Selektion verschwindet das Junge bald wieder. Damit ist das grosse Potential der perfekten Feder für die rasche Entwicklung des Vogels von der Erde verschwunden. Dieses irreale Gedankenexperiment zeigt, dass es nicht einfach ist eine neue Struktur bei einem Lebewesen einzuführen ohne seine Überlebenschancen entscheidend zu mindern.

Neue Eigenschaften von Organismen, die bei einzelnen Tieren durch Mutation entstanden waren, können in Laborexperimenten selektioniert werden. In einer künstlichen Umwelt können Organismen überleben, die wenig angepasst sind an die freie Wildbahn. Wie gross ist der Selektionsfaktor in der Natur? Es wurde gezeigt, dass die Intensität der Selektion grossen Schwankungen unterliegt durch die Variationsbreite der Eigenschaften sowohl bei Lebewesen als auch bei der Umwelt. Der Selektionsdruck tendiert gegen Null, wenn Populationsgrösse und Umwelt weniger beschränkt sind als in Laborexperimenten (3,4).

Nehmen wir als Beispiel für den Mechanismus der Evolution das Bewusstsein: Wir Menschen sind selbstbewusst. Tiere sind auch bewusst: Ein Hund träumt, bellt im Schlaf, bewegt seine Beine im Traum. Der Hund erkennt sich allerdings nicht, wenn er in einen Spiegel schaut: Für ihn ist das Spiegelbild ein fremdes Tier ohne Geruch. Das Bewusstsein des Hundes ist ein Beispiel für ein weniger weit entwickeltes Bewusstsein als das des Menschen. Offenbar gibt es Bewusstsein von unterschiedlicher Entwicklungshöhe.

Damit etwas durch die natürliche Auslese selektioniert werden kann, muss etwas vorhanden sein: Es muss einen Vorläufer des Bewusstseins geben, ein Bewusstsein von sehr geringer Intensität in der Materie vorhanden sein um Bewusstsein daraus zu selektionieren. Es ist wahrscheinlich, dass auch Bewusstsein sich aus einer ursprünglichen Anlage entwickelt hat. Gemäss Materialismus wird die Materie jedoch für nicht bewusst gehalten: Bewusstsein entwickelte sich demnach als neues Phänomen durch zufällige Mutationen und Auslese aus dem Nervengewebe.

Die allermeisten Mutationen sind zudem destruktiv, das heisst, sie zerstören eine vorliegende Struktur oder reduzieren die Effizienz, wenn es sich um einen Katalysator handelt (5,6). Die meisten Eiweisse einer Zelle sind Katalysatoren und ermöglichen die chemischen Prozesse der Zellen bei den tiefen Temperaturen der Lebewesen. Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Mutationen destruktiv sind und die natürliche Auslese fast null ist, so ist der Mechanismus der Evolution kaum verständlich. Zudem braucht es eine Steuerung im Prozess der Entwicklung neuer Eigenschaften, der sich jeweils über Millionen Jahre hinzieht.

Wie ist die Materie entstanden wenn nicht durch Zufall? Materie ist von höchster Harmonie und Gesetzmässigkeit: Es gibt keinen Ausschuss von Materie. Alle Materie ist gesetzmässig geordnet und fehlerlos. Ausnahmen, die man wahrzunehmen glaubt, stellen sich als Gesetzmässigkeiten heraus die bisher unverstanden waren. Die Grundgrössen der Materie sind genausten festgelegt, wie die elektrische Ladung des Elektrons, die Lichtgeschwindigkeit oder die Masse und Ladung des Neutrons und Protons. Die Materie ist zudem von grösster Stabilität. Es gibt Berechnungen dazu, eine experimentelle Überprüfung dieser Werte ist allerdings schwierig.

Die chemischen Elemente haben definierte Eigenschaften. Sie sind anders als die Eigenschaften der Bestandteile, aus denen sie zusammengesetzt sind und können nicht aus ihnen abgeleitet werden. Ein Wasserstoffatom besteht aus einem Kern mit einem Proton. Um diesen Kern ist ein Elektron. Die Eigenschaften des Wasserstoffatoms, wie zum Beispiel seine Reaktivität mit Sauerstoff lassen sich nicht aus seinen Bestandteilen ableiten. Zwei Wasserstoffatome verbinden sich mit einem Sauerstoffatom zu einem Wassermolekül. Die Eigenschaften des Wassers lassen sich nicht aus den Eigenschaften der drei Atome berechnen: Etwas Neues ist entstanden.

Beim Gefrieren formt sich Wasser in der Natur zu Schneeflocken. Alle Schneeflocken unterscheiden sich in ihrer Form voneinander: Es konnten bisher keine zwei identische Schneeflocken gefunden werden. Wie kommt das zustande? Dafür gibt es keine zufriedenstellende Erklärung. Bei den Lebewesen ist uns die umfassende Variabilität bekannt: Alle einzelnen Lebewesen einer Spezies unterscheiden sich voneinander. Die Variabilität der Lebewesen ist zum Teil in der DNA festgeschrieben, zum Teil beruht sie auf Variationen der Entstehungsprozesse, die von der Umwelt beeinflusst werden. Wie kommt die Variabilität der Schneeflocken zustande? Es scheint offensichtlich eine Gesetzmässikeit in unserer Wirklichkeit zu geben, sodass jedes Lebewesen und offenbar auch alle anderen Strukturen einmalig sind.

Die thermodynamischen Gesetze beschreiben die Verteilung der Einzelteile einer Struktur als Entropie, wenn keine Kraft die Ursprungsstruktur zusammenhält. Lassen wir Sauerstoff aus einem Behälter in die Luft entweichen, so verteilen sich diese Moleküle schliesslich regelmässig rund um die Erde. Die Anzahl Moleküle pro Kubikzentimeter Luft ist gross und beträgt etwa 2.6 x 1019 oder 2,6 mal 10’000’000’000’000’000’000. Diese Verteilung der Moleküle ist die Ursache, dass wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Moleküle einatmen, die auch Buddha, Napoleon oder ein anderer Mensch einmal eingeatmet hat. Der Austausch zwischen den Lebewesen ist nicht nur durch Luftmoleküle, sondern auch durch Wasser, er ist auf vielfältige Weisen vorhanden auf materieller Ebene. Zudem geschieht der Austausch auch auf anderen Ebenen. Gedanken oder Gefühle werden ständig ausgetauscht, wir sind so mit vielen anderen Lebewesen verbunden.

Je nach räumlicher Anordnung der Moleküle einer Struktur ergeben sich unterschiedliche Eigenschaften. Eine Menge ungeordneter Kohlenstoffatome nennen wir Kohle, solche von höherer Ordnung Graphit. Sind die Kohlenstoffatome in allen Raumkoordinaten regelmässig angeordnet, so ist diese Menge ein Diamant, ein transparenter und äusserst harter Kristall. Es braucht Kraft für die Entstehung von Kristallen. Bei Diamanten sind grosse Erddrucke beteiligt, die Kohle zu Diamanten pressen, bei vielen Kristallen kennt man die Kraft nicht, die den thermodynamischen Gesetzen entgegen wirkt.

Unser Planet Erde ist in Ozeane und Kontinente gegliedert. Den Konturen der Kontinente sieht man es zum Teil noch an wie sie ursprünglich zusammenpassten. Es ist bekannt, wie die Bewegung der Kontinente durch Magma aus dem Erdinnern verursacht wird. Dabei vergrössert sich die Erde ständig. Was steuert das Wachstum der Erde? Wir wissen es nicht.

Der Ursprung aller Wirklichkeiten wird in der Philosophie des Materialismus ausschliesslich auf die Materie zurückgeführt. Diese Lehre lässt einiges offen. Eine wesentliche Lücke betrifft den Ursprung des Bewusstseins. Was ist Bewusstsein? Das Denken gehört dazu, ein ungeklärter Vorgang. Wir wissen, dass es mit dem Gehirn zusammenhängt, doch neuronale Korrelate für geistige Aktivität bleiben was sie eben sind, Korrelate. Zudem gibt es viele Hinweise für das Bestehen von Bewusstsein unabhängig vom Gehirn. Sie werden durch die Materialisten alle negiert. Die Negation oder die fehlenden Erklärungen mancher Realitäten sind charakteristisch für den Materialismus. Was ist notwendig für eine nachhaltige Steuerung der Entwicklungsprozesse in der Evolution? Es ist strukturelle Information, angepasst an die Bedürfnisse in der Zeit.

Bewusstsein ist ein wenig verstandenes Phänomen. Es drängt sich auf Bewusstsein besser zu erkennen, denn wir Menschen verstehen uns wesentlich durch die Eigenschaft des Selbstbewusstseins. Es ist eine charakteristische Eigenschaft, die den Mensch auszeichnet und ihn von den anderen Lebewesen unterscheidet. Das heisst allerdings nicht, dass andere Lebewesen kein Bewusstsein haben, aber es ist von anderer Art, oft von geringerer Intensität. Tiere sind im allgemeinen nicht selbstbewusst, Menschenaffen und Wale jedoch schon. Gorilla, Orang-Utan und Schimpansen können bis zu einem gewissen Grad unsere Sprache lernen und sinnvoll anwenden. Ihr Bewusstsein entspricht etwa dem von Kindern.

 

Literatur
(1) Thomas Nagel: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Suhrkamp 2013, ISBN 978-3-518-58601-3
(2) Otto H. Schindewolf: Der Zeitfaktor in Geologie und Paläontologie. Antrittsvorlesung 8. Juli 1948, Universität Tübingen; ed. in E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1950.
(3) J. G. Kingsolver, H. E. Hoekstra, J. M. Hoekstra,, D. Berrigan, S. N. Vignieri, C. E. Hill,, A. Hoang, P. Gibert, P. Beerli: The strength of phenotypic selection in natural populations. In: American Naturalist, volume 157 (3), 2001, S. 245–261
(4) E. I. Hersch & P. C. Phillips: Power and potential bias in field studies of natural selection. In: Evolution, volume 58 (3), 2004, S. 479–485.
(5) Tokuriki, N; Tawfik, DS: Stability effects of mutations and protein evolvability. Current opinion in structural biology 19 (5), 2009, S. 596–604.
(6) Wang, X; Minasov, G; Shoichet, BK: Evolution of an antibiotic resistance enzyme constrained by stability and activity trade-offs. Journal of Molecular Biology 320 (1), 2002, S. 85–95.